Jupiter
"Darf es noch was sein?", erkundigte sich die hübsche Kellnerin.
Tiger nahm noch einen Schluck aus seiner Kaffeetasse, und schüttelte mit dem Kopf. Ohne Worte nahm die Kellnerin die leeren Teller, und lief wieder in Richtung der Theke. Mit einem kurzen Handgriff aktivierte Tiger sein kleines Holopad, auf dem er einige Texte las. Zwischendrin blickte er immer wieder aus dem Fenster des kleinen, gemütlichen Diner neben den Hangars. Draußen schwebten im Minutentakt Raumschiffe vorbei, mal kleinere Frachter, mal größere Kreuzer und auch militärische Schiffe. Nach einigen Minuten des Lesens tippte er schließlich auf der holographischen Tastatur herum. In einem verschlüsselten Alphabet schrieb er einige Absätze.
Die Texte an sich erschienen Tiger jedoch recht wertlos. Wer wollte schon seine Erinnerungen und Gedanken hören? Er war kein wichtiger Mensch. Sein Leben war sehr ereignislos, und das würde wohl auch auf ewig so bleiben. Traurig, wenn er sowas schon in diesem jungen Alter wusste, dachte Tiger. Doch sein Leben war wirklich unspektakulär, und nichts, worauf er stolz sein könnte. Als Jugendlicher brach er die Schule ab, weil er der Überzeugung war, dass er zu klug für diese Sachen seie. Das war er auch, er hatte ausschließlich gut abgeschnitten. Trotzdem beendete er die Schule frühzeitig, und begann, in einem logistischen Unternehmen als Laufbursche anzufangen. Bei dem Personalmangel auf der Jupiterstation war es kein Wunder, dass sie auch unqualifizierten Leuten einen Job anboten. Er schlug sich auch richtig gut. Doch so beeindruckt alle von ihm waren – ohne Qualifikation wurde es ihm verwehrt, jemals auf ein Schiff zu steigen. Er dachte darüber nach, seine schulische Ausbildung nachzuholen, doch bei seinen Arbeitszeiten und dem geringen Einkommen erwies sich das als Hirngespinst. Nach jahrelangem Arbeiten im Verladebereich begann der Aufstand der Rebellen. Die Frachter seiner arbeitgebenden Firma wurden bis auf wenige komplett abgeschossen oder vom Militär der Erde als Logistikschiff beschlagnahmt, und somit ging das Unternehmen pleite, und Tiger wurde arbeitslos. Seitdem schlug er sich als Tagelöhner durch, nahm hier und da auch mal unseriöse Aufträge an, und bezog ein kleines Festeinkommen durch das Schreiben von Büchern. Er hatte sogar schon ein paar Drehbücher an ein paar Produzenten auf der Erde verkauft, die Filme warfen jedoch kaum etwas ab. Und dieses bescheidene Leben führte er bis zu diesem Tag. Das war seine Routine geworden. Er nahm einen weiteren Schluck von seinem Kaffee, und widmete sich dem Text, den er so fließig schrieb.
Gebb ging in seinem ölverschmierten Overall, den er in der Landebucht gefunden hatte, durch die große Markthalle der Station. Er sah an sich herunter, und trauerte seiner Uniform nach, die irgendwo dort draußen auf seinem Schiff zurückgeblieben war. Um ihn herum war alles voller Verkaufsstände, mit den dazugehörigen aufdringlichen Händlern, die einem die neuste Technik aufschwatzen wollten. Innovative Dinge, wie zum Beispiel ein kabelloser Haarföhn, klangen zwar neu, waren jedoch mehr als sinnlos. So zumindest dachte Gebb, als er einen Händler passierte, der ihm eben diesen Mist angeboten hatte. Aber trotz seiner abgeneigten Einstellung sah er sich auf allen Tischen um – er benötigte gutes Werkzeug, um seine kleine Maschine flugfähig zu machen. Selbst wenn der Captain der Marina hierher kommen würde, müsste er danach weg von der Station. Es würde wohl nicht lange dauern, und ein weiteres Killerkommando seitens seiner ehemaligen Auftraggeber würde ihn hier gefunden haben. Nach Hause konnte er nicht, auf die Erde konnte er erst recht, aber hier auf der Jupiterstation konnte er auch nicht bleiben. Er musste weg. Und ohne flugfähiges Schiff war das schlecht machbar. Es war ihm egal, wohin, er würde sich einfach noch eine Sternenkarte besorgen und irgendeine Lösung würde sich dann schon anbieten. Nach langem Suchen tauchte vor ihm tatsächlich ein Tisch mit einer massiven Auswahl an Werkzeugen auf. Er zückte schon einmal seine Banknoten und zählte sie durch. Der Verkäufer starrte ihn gierig an, und wartete ungeduldig darauf, dass er sich etwas aussuchte. Gebb sah auf, und fragte den Verkäufer: "Sie haben nicht zufällig einen Kompaktschweißbrenner?"
"Zufälligerweise habe ich einen, doch.", entgegnete der Verkäufer nun gelassen. Er griff in eine große Kiste unter dem Stand, und zückte einen futuristischen, kleinen Schweißbrenner.
"Sagen wir 900 UC", fuhr der Mann hinter der Theke fort, "mit Füllung und Reserveflasche."
Gebb lachte abfällig, faltete die Scheine wieder zusammen und wank ab. Der Verkäufer jedoch ging sofort darauf ein, und korrigierte sich: "850 UC."
"800 UC", meinte Gebb und deutete auf eine Schweißerbrille, "und die hier kriege ich dazu."
Mit einem Nicken packte der Mann den Schweißbrenner und die Brille in einen dazugehörigen Koffer, und reichte ihn über die Theke. Gebb drückte ihm ein abgezähltes Bündel an Banknoten in die Hand, und lief mit dem Koffer in der Hand weiter. Er hasste feilschen, denn ein Geschäftsmann war er noch nie. Ein Soldat war er, und kein verdammter Tourist, mit dem man seine Spielchen treiben konnte. Doch das kapierte niemand hier ohne seine Uniform – die Uniform, die er wirklich begann zu vermissen. Aber in diesem Outfit wäre er definitiv aufgefallen. Unauffällig lief er weiter, auf der Suche nach Werkzeug.
"Erbitte Landeerlaubnis für Hangar 0877. Ich habe eine verletzte Person an Bord und habe hoch priorisierte Fracht.", wiederholte Candric energisch.
"0877 ist reserviert für den Frachter Marina.", antwortete der Mann am Ende des Funkgeräts, "Ich kann ihnen keine Landeerlaubnis geben, wenn sie sich nicht identifizieren."
"Zum letzten Mal", fuhr es aus Candric heraus, "die Marina wurde abgeschossen. Ich bin Captain Qruotes, ich melde mich von einem Eskortschiff der Marina. Der Hangar gehört mir, deshalb ist er reserviert."
Stille am Ende der Leitung. Synthia hatte ihre Augen geschlossen und quälte sich mit ihrem Fuß, der, wie sich herausstellte, von irgendeinem spitzen Trümmerteil durchbohrt wurde. Candric schaltete den Autopiloten ein, und wartete auf eine Antwort. Fürsorglich, aber in Hektik, nahm er einen Lappen, der wohl eigentlich für die Schiffshülle gedacht war, und wischte Synthia den Schweiß von der Stirn. Am Funkgerät meldete sich nun eine andere Stimme: "Erlaubnis für Landung in Bucht 0877 erteilt. Behalten sie den Kurs bei. Schilde werden geöffnet."
"Danke, na endlich", murmelte Candric für sich selbst. Er knipste einen Schalter an den Armaturen aus, und nahm den Steuerhebel wieder in die Hand. Mit gekonnten Bewegungen manövrierte er das kleine Begleitschiff in den Hangar vor ihnen, und stoppte schließlich, als sie die Schildgrenze durchflogen hatten. Hinter ihnen leuchtete wieder die große Barriere auf, und er ließ das Schiff langsam und senkrecht absinken. Unten wartete bereits eine Sanitätermannschaft. Als das Schiff aufsetzte, öffnete sich prompt die Kanzel des Cockpits, und Candric nahm Synthia in seine Arme. Er trug sie die herbeigefahre Leiter herunter und übergab sie den Sanitätern. Als diese schon engagiert wegrennen wollten, rief er ihnen hinterher: "Wo kann ich sie finden?"
Eine Stimme hinter ihm ergänzte ruhig: "Das zeige ich ihnen gleich."
Candric zuckte zusammen. Er kannte diese Stimme. Kurz vor dem Beschuss hörte er diese Stimme zum letzten Mal. Langsam drehte er sich um, und blickte in das Gesicht des Space Division-Offiziers, mit dem er vorhin noch ein Gespräch hatte.
"Ich schätze, sie sind ziemlich erschöpft.", meinte der Mann mit einem fragenden Unterton. Candric nickte nur Stumm. Der Captain machte eine Geste, ihm zu folgen, was er auch gleich tat.
Er führte ihn durch einen lang Gang, weg vom Hangar. Doch anstatt in den öffentlichen Bereich zu gehen, führte der Space Division Officer ihn in ein kleines Diner, dass offenbar gut besucht war. Nur noch wenige Tische waren unbesetzt. Der Officer nahm platz, und forderte ihn auf, sich ebenfalls zu setzen, was Candric gleich tat. Routiniert holte der Captain ein kompaktes Gerät hervor, was er auf dem Tisch aufstellte. Ein Hologramm erhob sich, und Candrics Gesicht wurde von dem Gerät fokussiert. In der oberen Ecke leuchtete der klassische rote Punkt, der symbolisierte, dass das Gerät nun aufzeichnete. Nervös starrte er in sein eigenes Gesicht, dass er nun spiegelverkehrt durch das Hologramm sah. Angestrengt versuchte er sich an den Namen des Captains zu erinnern. Doch es wollte ihm einfach nicht einfallen – bis ihm auffiel, dass er ein Namensschild an der Uniform trug. Miller, so hieß er.
"Ich habe einige Fragen zu den Geschehnissen vor circa einer Stunde.", begann der Officer die Befragung. "Schildern sie mir bitte die Ereignisse von dem Angriff auf ihr Schiff, bis jetzt."
"Nun", entgegnete Candric, "das war sehr kurios. Wie sie ja wissen, hat sich bei uns dieser General, Trevor Gebb, gemeldet. Er warnte uns vor einem möglichen Angriff. Gerade als ich meine Piloten anwies, vorsichtiger zu fliegen, und einen Notruf an sie abzusetzen, ging es schon los. Wir bekamen zuerst eine Breitseite, was unser Schiff in Schräglage brachte. Die nächste Rakete traf die Brücke direkt, und ich wurde für einige Minuten bewusstlos. Als ich aufwachte, war keiner meiner Besatzung mehr am Leben, bis auf meine Kommunikationsoffizierin."
"Ich nehme an, das ist die junge Frau, die eben weggebracht wurde?", warf Miller ein.
"Ja, das war sie. Nachdem ich sie geborgen hatte, und in den Hangar brachte um mit einem meiner Begleitschiffe zu fliehen, entschied ich mich dafür, den Frachtcontainer, den ich geladen hatte, in mein Schiff einzuspannen. Dann flogen wir durch das Trümmerfeld am Schauplatz des Angriffs. Ich kann mich nur erinnern, dass ich ein mir unbekanntes Schiff und eines ihrer Leute gesehen habe. Dann bin ich auf direktem Wege hierher geflogen, weil dies hier die nächste Station ist."
Captain Miller befeuchtete seine Lippen, rückte sich in eine angenehmere Sitzposition und erkundigte sich: "Was ist in dem Container?"
"Das weiß ich nicht", gab Candric zurück, "er war und ist verschlossen. Uns wurde auch kein Lieferschein oder ähnliches übergeben. Der Auftrag ist inoffiziell. Und bevor sie mich jetzt angreifen, nein, er war nicht illegal, er war nur nicht... normal."
"Verstehe.", entgegnete der Officer. Nach einem Moment der Stille steckte er sein kleines Aufnahmegerät wieder ein, und schüttelte ihm die Hand: "Vielen Dank für ihre Zeit, Captain Candric."
"Warten sie. Wo haben sie Synthia hingebracht?", fügte Candric noch an.
Der Officer erklärte ihm ausführlich, wie er von diesem Diner hier zur Krankenstation kam, empfahl ihm aber, voerst hier zu warten. Er sollte sich ausruhen.
Neugierig und abgeneigt zugleich schielte Tiger zum Nachbartisch, an dem eben noch die sehr merkwürdige Befragung geführt wurde. Der Mann, den der Officer eben Candric nannte, saß aufgelöst da und hatte bei der Kellnerin eine Tasse Kaffee bestellt. In Tigers Kopf kreisten die Gedanken. Einerseits wollte er ihn nur zu gerne ansprechen – ein Frachtpilot, der konnte ihn vielleicht endlich von dieser Station wegbringen. Andererseits, jemand der mit der Space Division in solchen Angelegenheiten zutun hatte konnte nur Dreck am stecken haben... oder etwa nicht? Er beobachtete, wie er abwesend aus der Kaffeetasse trank und sich in seinem Gesicht kein Muskel rührte. Was er wohl gerade dachte? War er bedrückt? Oder einfach nur kalt? Gründlich dachte er darüber nach, ob er ihn einfach fragen sollte, was los war. Ein kurzes Schnaufen von Tiger. Nervös kratzte er sich am Hinterkopf, sah sich um. Dann sprang er auf, und lief zu dem Mann am Nachbartisch.
"Schwierigkeiten?", brach es aus ihm heraus.
Der Mann mit dem Namen Candric sah stur weiter geradeaus und antwortete: "Mehr oder weniger."
Unsicher, wie er sich verhalten sollte, blieb er an der Tischkante stehen. Nervös tippelte er seine Fußspitzen auf und ab. Candric nahm einen Schluck von seiner Kaffeetasse, und sah ihn nun direkt an. Die beiden hielten für einige Momente Augenkontakt – bis Candric plötzlich zu lächeln begann. Nicht fröhlich, sondern einfach nur aus Anstand.
"Setz' dich, Kleiner.", forderte er Tiger auf, was dieser sofort tat.
"Also", plapperte dieser sofort los, "Schwierigkeiten?"
"Kann man so nennen. Ich fasse mich kurz – mein Schiff wurde abgeschossen, meine Kommunikationsoffizierin liegt blutend auf der Krankenstation und ich habe einen verfickten Frachtcontainer, der sich nicht öffnen lässt." Er nahm einen Schluck von seinem Kaffe, und sprach nachdem er die Flüssigkeit heruntergeschluckt hatte weiter. "Und was ist bei dir so los?"
Mit heruntergefallener Kinnlade starrte er den offensichtlichen Captain an, und stammelte nervös etwas cooles zusammen: "Naja, sie wissen schon. Man, äh, überlebt in der Scheiße."
Ironisch beeindruckt nickte Candric, und zückte ein kleines Gerät. Dieses zischte kurz und eine kleine, spitze Nadel schob sich aus dem Apparat.
"Was ist das denn für'n Teil?", raunte Tiger.
Mit einem Stoß setzte Candric sich die Nadel in den Unterarm. Nach wenigen Sekunden zückte er sie bereits wieder, und steckte das Gerät mit dem selben Zischen weg, und beantwortete die Frage: "Ein Injektionsapparat, mit flüssigem Methyltheobromin versetzt und einer sofortwirkenden Flüssigkeitslösung. Oder, einfacher ausgedrückt: Koffein zum spritzen. Sehr beliebt bei uns Frachtpiloten, vorallem auf der Brücke."
"Logisch", stellte er fest, "zum wachbleiben."
"Nein. Um die Sinne zu schärfen. Koffein setzt dein Nervensystem in Gang, regt die Durchblutung an und pumpt dich ein bisschen. Wirklich wach macht dich das nicht, du kannst dich nur ein wenig besser konzentrieren."
Eingeschnappt, aber einsichtig nickte Tiger. Das klang durchaus plausibel. Warum der Captain sich die Nadel jetzt, und nicht auf der Brücke gesetzt hatte, wollte er garnicht fragen. Oder, besser gesagt, er konnte es sich schon denken.
"Und, was haben sie jetzt vor?", fragte er unbedacht.
"Ich muss hier jemanden finden. Und dann meine Fracht irgendwie abliefern."
Unauffällig biss Tiger sich auf die Zunge. Sein Schiff wurde abgeschossen. Er kannte sich hier am Jupiter nicht aus, er musste hier weg, er brauchte ein Schiff und seine Besatzung war in den Weiten des Alls explodiert. Er musste fragen. Er musste ihn einfach fragen.
"Darf ich ihnen meine Hilfe anbieten?"
"Meinetwegen", gab der Captain zurück, "aber zwei Grundbedingungen. Erstens, ich bin ab jetzt dein Captain, also für dich Sir. Zweitens..."
Tiger sah ihn gespannt an, doch Candrics Gesichtszüge glätteten sich wieder.
"... habe ich bei dieser Kellnerin gerade einen Kaffe bestellt. Aber ich bin blank, wegen meinem Schiff. Kannst du für mich zahlen?"
Narrem hantierte gelangweilt mit seinem Schlagstock, und sah sich in der Gegend um. Wo blieb der Captain? Zum Verhör von Captain Qruotes ging er alleine, und jetzt befragte er auch noch die Offizierin alleine. Wütend ließ er den Schlagstock an die Wand knallen. Kameradschaft und Vorgesetzter in allen Ehren, aber Captain Miller nervte ihn. Sein früherer Partner war viel besser. Er ließ ihn mitgehen, oder zum Großteil sogar alles alleine machen. Das Schiff flogen sie zusammen, und nicht er unter seinem Befehl. Miller aber war das genaue Gegenteil. Und das ging Narrem sehr Nahe. Er vermisste Evron. Sein alter Partner und Vorgesetzter. Er war mit ihm mehrere Jahre im Dienst, seit es die Space Division gab. Warum starben solche Leute wie er, und nicht solche Typen wie Captain Miller?
Doch als er gerade von ihm sprach, lief Miller durch den Türbogen auf ihn zu. Narrem holsterte seinen Knüppel, und wartete auf eine Zusammenfassung, die er prompt begann:
"Also, sie erinnert sich an alles was auf dem Schiff passiert ist. Auf halber Strecke vom Schauplatz bis hieher ist sie allerdings weggekippt. Aber das ist ja nicht so relevant für unseren Bericht."
Narrem nickte stumm, und wartete darauf, dass Miller weitersprach. Doch der rührte sich nicht.
"Und was noch?", hackte er nach.
Nach kurzem Überlegen gab Captain Miller ihm dann eine weitere Auskunft.
"Sie hatten eine hoch priorisierte Fracht. Allerdings ist sie mit einem Verschlüsselungsmechanismus gesichtert, der sich nicht sehr leicht knacken lässt."
"Was schlagen sie vor?"
"Wir lassen sie ihren Job erledigen. Sie tun nichts illegales. Sobald die Offizierin auskuriert hat, werden sie aufbrechen, nehme ich an."
Beide nickten sich still zu, und liefen wieder in Richtung des Hangars, von dem sie gekommen waren. Doch schon nach einigen Metern blieb Narrem stehen. Ihm war eine Idee gekommen. Eine unkonventionelle, nicht richtige Idee. Doch er wollte sie durchziehen. Doch er müsste dafür auf ihr Schiff. Also nahm er sogleich wieder das Tempo vom Captain auf, und lief mit ihm zum Hangar.
Gebb werkelte engagiert an seinem kleinen Schiff herum. Das Logo der Flotte, die er noch bis vor einigen Stunden kommandierte, hatte er mit auf dem Markt erworbenem Lack überpinselt. Jetzt genoss er es irgendwie, sämtliche Modifikationen an seiner Maschine vornehmen zu können, ohne Ärger zu bekommen. Er modifizierte die Triebwerke, setzte einen vom Scharzmarkt erwobenen Raketenwerfer anstelle des standatisierten und vorgeschriebenen ein. Spaß hatte er dabei allemal. Doch wenn er auch nur für ein paar Minuten aufhörte zu schrauben, wurde ihm wieder ganz mulmig. Seine eigenen Männer, die ihm jahrlang loyal waren, wurden einfach so geschmiert und stellten sich gegen ihn. Das hätte er wirklich keinem seiner Untergebenen zugetraut. Aber wenn er so nachdachte wurde ihm schon klar – daran war er selbst Schuld. Er wurde zu gierig, sein Kommando über die Männer machte ihn unterbewusst arrogant. Letztenendes arbeitete er mit den falschen Leuten zusammen, und war so leichtfertig, sie zu enttäuschen. Mit einem Mal hatte er alles verloren. Doch dafür ging es ihm recht gut. Als hätte er gewusst, dass ihm das von Null anfangen wieder bevorstand. Vielleicht wollte er das ja sogar innerlich, neu anfangen, und vergessen, für was er verantwortlich war. Den Rebellen in sich wiederfinden.
Mittlerweile wurde er etwas ungeduldig. Er sah auf seine Armbanduhr, die er unter dem Overall trug. Auf eine bestimmte Zeit wartete er nicht, ihm war nur wichtig, dass der Captain der Marina sich endlich blicken ließ. Es war seine Pflicht, ihm mitzuteilen, was er für eine Fracht mit sich umherflog. Vielleicht hatte er sie ja gerettet. Dann könnte er sich gut vorstellen, was er mit dem Inhalt des Containers anstellen würde. Aber dazu bräuchte er einen guten Mechaniker, oder sogar mehrere. Und Geld. An sich war das zwar kein Problem, aber es war nicht ungefährlich, auf sein Konto zuzugreifen. Nicht, dass er am Ende durch so einen Fehler noch entdeckt wurde.
Doch seine Gedanken wurden allmälich wieder zuversichtlicher. Der Captain war vermutlich schon auf der Station. Er musste ihn nurnoch finden. Doch bis dahin konnte er sich dem kleinen Star-Jäger widmen, und so an ihm herumbasteln, wie es ihm gefiel. Schließlich hatte er fast sein gesamtes Bargeld für die Teile und Werkzeuge verbraten. Doch das war es ihm wert. Sonst würde er auf seiner Flucht noch abgeschossen werden. Da erfasste ihn erneut sein Gedanke im Bezug auf die Flucht – wo sollte er denn nun eigentlich hin? Ein logisches Ausschlussverfahren sagte ihm auf jeden Fall, wo er nicht hinkonnte. Da wäre zum einen die Erde, zum anderen die Mondkolonie. Diese Kernwelten musste er um jeden Preis meiden. Er dachte darüber nach, in welcher Lage der Jupiter lag. Welcher Planet war der nächste, der ihm vermutlich zuverlässigen Schutz bieten konnte? Auf der Station des Saturn wollte er sich lieber nicht blicken lassen. Dort würden sie ihn sofort erkennen. Auf der Uranusstation rechnete er sich jedoch gute Chancen aus. Denn dort hatte die Uranus Armored Corp ihren Sitz. Eine international bekannte Rüstungsfirma, die hauptsächlich Abfangjäger herstellte. Dadurch war die Station gefürchtet und unabhängig, und für einen abtrünnigen General hatten sie bestimmt Arbeit in einer militärisch orientierten Firma. Das war soweit sein Plan. Ja, das war sein Plan, nachdem er den Captain getroffen hatte.
Eifrig öffnete Narrem seinen Spind. Aus seinem kleinen Quartier hatte er sich eine Art Reisetasche geholt, und legte sie geöffnet vor den Spind. Bevor er mit seinem Vorhaben begann, spähte er kurz aus der provisorischen Umkleide, und versicherte sich, dass Miller nicht in der Nähe war. Er schloss die Tür und wandte sich wieder seinem Spind zu, aus dem er gleich sein Sturmgewehr herausnahm. Leise platzierte er es auf dem Boden, zerlegte es in die Einzelteile, und verstaute sie in der Tasche. Ebenso packte er seine alte Polizeimütze, seine Uniform und alle anderen persönlichen Gegenstände zusammen. Nur seinen Raumanzug ließ er zurück – den würde er nicht brauchen. Nachdem er die Tasche geschlossen und aufgenommen hatte, zückte er ein kleines Gerät, in das er hineinsprach:
"Log 4-1-12, Narrem Kgro. Die ist das vorerst letzte Log an Bord des Schiffes Astra, Zugehörigkeit Space Division, Aussenpatroullieneinsatz. Die folgende Mitteilung richtet sich an den offziellen Hörer dieses Logs, sowie an meinen Vorgesetzten Captain Ged Miller. Wie ich bisher jedem verschwiegen habe, bin ich Teil der Sondereinheit für Bekämpfung von Frachtschmuggel. Da sich mir die Gelegenheit bietet, der Crew beizutreten, die eine illegale Fracht schmuggelt, werde ich diese aktiv nutzen und somit einen verdeckten Dienst leisten. Log 4-1-12 Ende."
Mit einem hämischen Grinsen legte Narrem den Recorder auf den Spind. Natürlich war das nicht die Wahrheit. Doch er hatte das recht gut durchdacht. Diese ominöse Sondereinheit existierte nicht – somit würde Miller ersteinmal ewig damit beschäftigt sein, sie zu suchen, und schließlich zu dem Schluss kommen, dass sie wegen der Geheimhaltungsstufe nicht aufgelistet ist. Und dadurch konnte er ungehindert von der Space Division abhauen, aber trotzdem weiterhin seine Dienstmarke, seine Pässe und alle anderen Privilegien eines Officers nutzen, und so der Crew helfen, der er beitreten würde – denn einen Mann wie ihn, mit seinem Nutzen, konnten sie nicht ablehnen. Leise schritt er mit der Tasche durch den Gang zu der noch geöffneten Rampe, sprintete leichtfüßig herunter und verließ den Hangar.