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Interchange

Prolog

Entspannt stellte Viktor den Motor ab, zog die Handbremse an, steckte seine Autoschlüssel ein und stieg aus seinem Wagen. Daraufhin schlenderte er lässig in Richtung Ausgang des Parkhauses, und sperrte während des Laufens mit einem geschickten Handgriff sein Auto ab. Im Treppenhaus lief ihm der Sicherheitsbeamte Jeff entgegen, den er jeden Morgen auf dem Weg in sein Büro antraf, und grüßte ihn mit einem lässigen Handschlag. „Heute ohne Aktentasche?“, bemerkte Jeff. „Ausnahmsweise“, gab Viktor zurück und deutete auf die nach oben verlaufende Treppe, „muss weiter.“ Die beiden verabschiedeten sich und gingen weiter ihrer Wege, Jeff die Treppe herab, Viktor hinauf. Oben vor der Tür angekommen, zog Viktor seine Krawatte nocheinmal straff, und schwang dann die Glastüre auf. Kaum trat er in den riesigen Raum, begann auch schon der alltägliche Krach. Gemurmel hier und dort, die Tastaturen klackerten, dort brummte der Kopierer, woanders kingelte das Telefon. Während Viktor durch die Gänge zwischen den Schreibtischen abging, schloss sich ihm ein junger Mann an und erkundigte sich hektisch: „Herr Nowikow, na endlich. Wir sind bereits beim Drucken, während sie abwesend waren hat ihr Stellvertreter das Thema für Seite Eins gewählt. Was bringen wir heute im Regional-Teil?“ Viktor wechselte mit dem Mann einige Worte. Nachdem das wichtigste geklärt war, verschwand er in seinem Büro. Kurz schnaufte Viktor durch, um sich wieder auf die Arbeit einzustimmen. Er sah an die Wand, an der das große Logo seiner Zeitung hing. Die The Moscow Times, eine russische Zeitung, die allerdings auf Englisch erschien. Das war das Erfolgskonzept seiner Zeitung. Viktor gründete die Redaktion vor genau 20 Jahren, als er 15 war. Das mag verrückt klingen, doch so hatte er angefangen, als Chefredakteur einer Schülerzeitung. Und er überlegte sich für die Schüler an seiner Schule, die Englisch lernten, seiner Schülerzeitung zu Übungszwecken immer eine englische Ausgabe beizulegen. Und nach seinem Literatur-Studium machte er seinen Traum wahr – er gründete die Redaktion der The Moscow Times. Viktor setzte sich auf seinen Chefsessel, hinter seinem Schreibtisch, und begann die Unterlagen zu überprüfen, die sein Stellvertreter zurechtgelegt hatte. Genervt seufzte Viktor, klappte seinen Laptop auf und tippte die Unterlagen ab. Um seine Langeweile wenigstens etwas einzudämmen, klappte Viktor den Schalter seines Radios um. Rockmusik ertönte, und sein Fuß begann im Rhythmus zu stampfen. Nach ungefähr der Hälfte des Textes klopfte es an der Tür. „Herein“, sprach Viktor in den leeren Raum, mit den Augen auf dem Bildschirm. Sein Stellvertreter Jan trat durch die Tür und stellte eine Tasse Kaffee neben seinem Laptop ab: „Ihr Kaffee, Herr Nowikow.“ Viktor's Blick löste sich vom Bildschirm und er sah Jan in die Augen: „Haben wir keine Praktikanten mehr für solche Sachen?“ Jan schmunzelte. „Das sind ziemlich viele Themen für eine Ausgabe, meinst du nicht?“, kritisierte Viktor. „Nunja, Informationen sind doch unser Job nicht wahr? Warum denn nicht lieber zu viel davon, als zu wenig?“ Ironisch zog Viktor die Augenbrauen hoch und sprach wieder mit den Augen am Bildschirm: „Du hast gut reden, du musst ja dann nicht aussuchen welches Thema auf welche Seite kommt.“ Jan lächelte unschuldig und rechtfertigte sich: „Aber ich habe ihnen ja einen Kaffee gebracht, daher...“ „Raus mit dir, du Schleimer.“, warf Viktor in seinen Satz hinein und bat ihn mit einem ironischen Augenzwinkern hinaus. Kaum war Jan draussen, nahm Viktor einen Schluck von dem Kaffee, kurz darauf begann Viktor breit zu lächeln und sprach zu sich selbst: „Und dann auch noch zu wenig Zucker reinmsichen. Der Junge hat es wirklich faustig hinter den Ohren.“ Mit einem kleinen lächeln widmete er sich wieder der Musik und der Zuordnung der Themen für die heutige Ausgabe. Plötzlich klopfte es an der Tür. Jan stand in der Tür und informierte Viktor: „Da will sie jemand sprechen, Herr Nowikow.“ Viktor tippte noch ein paar letzte Buchstaben, stellte seine Kaffeetasse ab, lehnte sich zurück und sprach gelassen: „Soll reinkommen.“

 

Kapitel 1

Unmöglich

Kommissar Sorokin?“, hämmerte es in Stepan's Kopf. „Kommissar Sorokin?“, hackte die Person nach. Stepan hob' seinen Kopf vom Schreibtisch, und blickte in die Augen einer Milizbeamtin. Nach einem kurzen Gähnen fragte er: „Was gibt’s denn?“ „Einen Fall für sie. Ein Toter in der Redaktion der Moscow Times.“ Stepan's Augen wurden groß, denn er las die The Moscow Times gerne und öfters. „Wen?“ Unsicher gab die Beamtin zurück: „Den Chefredakteur, Viktor Nowikow.“ Er kratzte sich am Nacken und las die Akte. Stepan konnte es kaum glauben, gab aber selbstsicher zurück: „Den übernehme ich. Ich fahre gleich los. Sagen sie bitte Herrn Milkinow Bescheid, das ich unterwegs bin.“ Stepan schnappte sich seine Autoschlüssel, stand von seinem Schreibtisch auf, nahm seinen Mantel von der Garderobe und ließ den Autoschlüssel in der Tasche verschwinden. Er sah auf seine Uhr, es war kurz nach 20 Uhr. Eilig trat er aus der Lobby des Kommissariats, stieg in seinen Wagen und fuhr los. Als Stepan die Leninskiy Prospekt entlang fuhr, klingelte sein Handy. Er setzte es auf die Freisprechanlage und nahm an, sein Partner Vadim meldete sich: „Stepan? Wo bist du?“ „Gerade auf der Leninskiy Prospekt, und wo bist du?“, gab Stepan zurück. Vadim informierte ihn: „Schon am Tatort. Ich war gerade zufällig in der Nähe. Soll ich mir die Leiche schonmal ansehen?“ Stepan überlegte kurz und gab zurück: „Macht's dir was aus, wenn du auf mich wartest?“ „Nein, schon gut, kein Problem. Bis gleich.“, und Vadim legte auf. Was Stepan danach auch gleich tat. Darauf tastete er den Fußraum des Beifahrersitzes nach seinem Blaulicht ab, fand aber nichts. Genervt atmete Stepan aus und versuchte so gut es ging, während der Fahrt das Handschuhfach zu öffnen. Schließlich gelang es ihm und das Blaulicht prallte in den Fußraum des Beifahrersitzes. Stepan stöhnte erneut, und umklammerte das Blaulicht nun fest mit der Hand, steckte das Kabel in den Zigarettenanzünder, fuhr sein Fenster herunter und stellte das Blaulicht auf das Dach seines Wagens. Nun kam er wenigstens ungehindert durch den Verkehr. Mehr als 20 Minuten hatte er sowieso nicht zu fahren. Gegen die Langeweile knipste er das Radio an. Im Radio hörte er nichts vernünftiges, also schaltete er auf seinen USB-Eingang um. Stepan's Musiksammlung bestand größtenteils aus Oldies. Er hörte gerne Musik aus vergangenen Zeiten. Da kam ihm wieder sein Fall in den Kopf. Irgendwie konnte er es nicht fassen, das Viktor Nowikow tot sein sollte, Stepan war nämlich ein großer Fan von ihm und seiner Zeitung. Ständig wurde er gefragt, warum er denn diese englische Zeitung lese – die Antwort war eigentlich ganz simpel. Schon seit den Anfängen seiner Polizeikarriere, wünschte Stepan sich, eines Tages beim GRU, dem russischen Geheimdienst, zu arbeiten. Und um dort arbeiten zu können, musste man sich jedoch auf Englisch verständigen können. Keiner seiner Kollegen erfuhr jedoch davon, er wollte diesen Gedanken für sich behalten. Stepan war ein ziemlicher Einzelgänger, schon seit längerer Zeit. Er machte schwere Zeiten durch, seine Frau verließ ihn mitsamt seinen Kindern, für kurze Zeit wurde er als Kommissar suspendiert, und so weiter. Doch mittlerweile ging es ihm wieder, den Umständen entsprechend, gut.

Die Zeit verging im Flug, und schon fand Stepan sich auf dem Parkplatz der Redaktion der Moscow Times wieder. Er steckte sein Handy und die Autoschlüssel ein, und verließ dann seinen Wagen. Routiniert schlenderte er auf das Redaktionsgebäude zu. Vor der Tür standen schon zwei Milizbeamte. Stepan nickte ihnen grüßend zu und betrat das Gebäude. Er schritt das Treppenhaus herauf, und stand vor einer Glastür, die schon mit einem Tatortabsperrband versehen war. Stepan zog seine Dienstmarke und zeigte sie den zwei Milizbeamten vor der Tür und trat ein. Sein Partner Vadim lehnte noch an einem Schreibtisch, und lief nun auf ihn zu. „Und, können wir?“ „Klar. Aber zuerst solltest du noch mit dem sprechen, der die Leiche gefunden hat.“, gab Vadim zurück. „Alles klar, wer denn?“ „Der Sicherheitsmann. Ein Amerikaner, Jeffrey Kalenko, wenn ich mich richtig erinnere. Er wollte unbedingt mit einem Kommissar sprechen, mir wollte er nichts verraten.“ Stepan lächelte und schritt auf den großen schwarzen Mann in Sicherheitsuniform zu, da er annahm, das er gemeint war. „Kommissar Sorokin?“, erkundigte sich der Mann. „Jawohl, der bin ich.“, entgegnete Stepan. „Wie haben sie ihn gefunden?“ „Nunja“, beantwortete der Wachmann, „Er ist heute morgen in sein Büro gekommen, wie immer. Dann blieb er eine Weile in seinem Büro, und hatte die Themenverteilung für die heutige Ausgabe abgearbeitet. Dafür kam er kurz raus, weil er seinem Stellvertreter die Aufteilung übergeben musste. Den Rest des Tages ist er im Büro geblieben.“ „Und das hat sie nicht gewundert?“, warf Stepan ein. Der Wachmann gab zurück: „Nein, er ist eigentlich immer in seinem Büro geblieben. Er ging auch immer als letzter, deshalb sieht eigentlich auch keiner nach ihm, weil er in seinem Büro immer ziemlich beschäftigt ist. Naja, und ich wollte halt nach Feierabend mal nach oben gehen und mich mit ihm unterhalten, und da hab' ich ihn so gefunden.“ Stepan ließ seinen Notizblock wieder in der Manteltasche versinken und bedankte sich knapp: „Vielen Dank. Ich muss mir jetzt den Leichnam ansehen.“ Er schritt in Richtung des Büros, Vadim stieß auf dem halben Weg zu ihm. Stepan fragte ihn: „Wie ist er gestorben?“ Kurz hielt Vadim inne und gab zurück: „Ich habe keine Ahnung. Die Leute von der Spurensicherung sind noch auf dem Weg.“ Stepan sah' ihn scharf an: „Wie meinst du das, keine Ahnung?“ Vadim schritt ins das Büro und wank ihn zu sich: „Sieh's dir selbst an.“ Stepan schritt in den Raum, hinter dem Schreibtisch lag die Leiche von Viktor Nowikow. Aufmerksam begann er sich in dem Zimmer umzusehen, als Vadim einwarf: „Es gibt kein Blut.“ Stepan nickte und kniete sich zu dem Leichnam. Die Haut der Leiche war sehr bleich. Stepan entdeckte auch keine Kampfanzeichen, Würgemale am Hals.. absolut nichts. Er stand wieder auf und deutete auf die Kaffeetasse: „Den würde ich testen lassen.“ Vadim schrieb' sich das auf seinen Notizblock. „Ich will wissen, wer ihm den Kaffee gebracht hat.“ Nickend fügte Vadim das zu seinen Notizen hinzu. „Und ob er an dem Tag sonst noch Besuch hatte. Ich glaube, da sollten wir den Stellvertreter mal besuchen. Ich geh' erstmal eine rauchen, und warte unten auf die Spurensicherung.“ „Geht klar...“, sprach Vadim in den leeren Raum. Stepan stieg die Treppen herab, wieder herunter vor das Gebäude. Schweigsam stellte er sich neben die zwei Milizbeamten, und zückte eine Schachtel Zigaretten aus der Innenseite seines Mantels. Anpreisend hielt er die Schachtel in Richtung der Milizbeamten, worauf der erste sofort den Kopf schüttelte, während der andere sich eine Zigarette aus der Schachtel zog. Stepan nahm sein Feuerzeug, zündete die Zigarette des Beamten an und zog sich dann eine eigene aus der Schachtel. Der Beamte ohne Zigarette fragte ihn: „Und, wie sieht's aus? Schon Ideen?“ Stepan schüttelte nur den Kopf, hielt die Hand schützend vor das Feuerzeug und zündete seine eigene Zigarette an. Nachdem er einen kurzen Zug genommen und den Rauch wieder ausgeatmet hatte, stellte er dem Beamten eine Gegenfrage: „Für genaures wäre es ganz gut, wenn ich mir sein Auto mal ansehen dürfte.“ „Dachte ich mir schon“, antwortete der Beamte. „Ebene 1. Schwarzer Mercedes. Haben sie die Schlüssel schon?“ Stepan klärte den Beamten auf: „Ich weiß nicht, ob sie mit unserer Arbeit vertraut sind, aber wir müssen ja erstmal die Fingerabdrücke nehmen, weil der Schlüssel in seinem Büro lag.“ Der junge Beamte war sichtlich beleidigt, und verabschiedetete sich von seinem Partner mit einem Klopfer auf die Schulter: „Ich muss nochmal eben was aus dem Wagen holen.“ Der schon etwas ältere Milizionär nahm seine Zigarette aus dem Mund und berichtigte seinen Freund in Abwesenheit: „Nehmen sie's ihm nicht übel. Er ist unerfahren. Und zu neugierig.“ Abwesend nickte Stepan und nahm noch einen Zug von seiner Zigarette, um sie dann auf den Boden zu werfen und mit dem Fuß auszudrücken. „Ich geh' mir das Auto ansehen.“ Der Beamte nickte ihm zum Abschied zu und rief Stepan hinterher: „Danke für die Utacha.“ Im Parkhaus angekommen, sah Stepan sich nach dem Mercedes um. Soviele schwarze Mercedes gab es in diesem Parkhaus nicht. Erst recht nicht nach Feierabend. Schon nach einigen Minuten entdeckte Stepan den Mercedes, und hielt sein Gesicht an das Fahrerfenster. Darin lag auf den ersten Blick nichts, doch Stepan wollte sich das Auto unbedingt bis ins Detail ansehen. Er sah sich kurz um, und zückte dann ein Gerät, das aussah wie eine Mischung aus Mixstab und Schraubenzieher. Eine Art Dietrich für Autos, den er von einem Freund vom GRU bekommen hatte. „Entschuldigen sie, was wird denn das?“, erschrak Stepan eine Stimme hinter ihm. Als er sich umdrehte, erblickte er einen großen Mann mit Lederjacke. Vergeblich versuchte Stepan sein Werkzeug zu verstecken und der Mann riss es ihm aus der Hand. Nach kurzem identifizieren des Gegenstands bemerkte der Unbekannte: „Sie sind doch garnicht autorisiert, solch ein Werkzeug zu benutzen.“ Selbstsicher zog Stepan seine Dienstmarke und berichtigte: „Moment, mein Freund, das weiß ich wohl besser als du, nicht wahr?“ Doch ehe Stepan sich versah blickte er einer GRU-Dienstmarke entgegen. Der Mann sprach kalt: „Nein, das glaube ich nicht. Für sie immernoch Herr Jerschow.“ Stepan starrte immernoch auf die Dienstmarke, schluckte kurz und steckte seine Eigene wieder weg. „Woher haben sie denn diesen Dietrich, wenn man fragen darf?“ „Ein Weihnachtsgeschenk eines guten Freundes.“, entegegnete Stepan überzeugend. Herr Jerschow verkniff sich merklich ein Lächeln, doch gab ihm das Werkzeug ohne jegliche Fragen zurück. „Was tun sie denn eigentlich hier? Dieser Fall fällt unter die Zuständigkeit der Kriminalmiliz.“ „Nun“, entgegnete Jerschow, „nicht ganz. Der Mann war Journalist, unterstand also...“ „Dem Innenministerium, schon klar“, ergänzte Stepan gereizt. „Aber ich kann ihnen noch nicht sagen, was passiert ist. Ich warte noch auf die Spurensicherung.“ Jerschow nickte ihm höflich zu und bemerkte: „Schon gut. Ich warte dann am Tatort auf sie.“ „Habe ich mir schon angesehen“, brummte Stepan. „Aber sie können ja selbst einmal suchen, viel werden sie nicht finden.“ Prahlend nickte Jerschow und entgegnete: „Da bin ich mir sicher, das ich etwas finden werde.“ Als Jerschow endlich am Ausgang war, zückte Stepan schnell den Dietrich und öffnete das Auto. Er sucht zwar gründlich, doch konnte er nichts finden. Keine persönlichen Gegenstände. Verärgert knallte er die Tür des Autos wieder zu. Um Anhaltspunkte zu haben, ging Stepan die Reihe des Parkhauses ab, und schrieb sich Kennzeichen auf, stellte sich vor, wieviele Autos zur Betriebszeit hier stehen mussten. Plötzlich nahm Stepan eilige Schritte hinter ihm war, und drehte sich reflexartig mit der Hand im Mantel am Riemen seines Pistolenhalfters, um. Als er jedoch Jerschow erblickte, ließ er seine Hand wieder aus dem Mantel gleiten. Völlig ausser Atem stützte Jerschow sich an Stepan's Schulter und informierte ihn mit schwerem Atem: „Die Leiche ist verschwunden!“ „Was?“, Stepan's Augen wurden groß und und er rannte augenblicklich in Richtung des Treppenhauses. Jerschow lief die ersten paar Meter noch neben ihm her, doch schon nach ein paar Schritten war er ihm voraus. Mit geschickten Handgriffen schwang Stepan sich die Treppen hinauf, übersprang mal ein, mal zwei Stufen. Oben durchtrennte er sogar in seiner Hektik das Tatortabsperrband, da er die Tür mit der Schulter öffnete. Als er im Raum stand sprintete Stepan den Flur herab, ins Büro. Dort war alles unverändert. Nur die Leiche... war weg. Fassungslos und ausser Atem stützte Stepan sich am Innenrahmen der Bürotür, und fixierte seinen Blick ganz genau auf die Stelle, an der die Leiche zuvor hinter dem Schreibtisch lag. Sie war weg. Viktor Nowikow's Leiche war weg. Der Gedanke hämmerte in Stepan's Kopf, als er abprubt von einer lauten Stimme aus seinen Gedanken gerissen wurde: „Ob du eine Ahnung hast, was wir jetzt machen sollen?!“ Stepan sah Vadim neben ihm, der offenbar, genauso wie er, völlig aus dem Konzept gebracht wurde. Nach Luft ringend antwortete Stepan: „Frag' doch den Neunmalklug vom GRU. Der hat bestimmt eine Idee.“ „Welcher Neunmalklug? GRU? Wen meinst du?“, gab Vadim erstaunt zurück. Doch just in diesem Moment polterte der Boden hinter den Beiden, da Jerschow mit schweren Schritten in den Raum trat. Stepan zeigte mit dem Finger auf Jerschow und sprach zu Vadim: „Der da.“ Genervt stöhnte Jerschow und lief auf Stepan zu: „Haben sie ein Problem mit mir?“ Nach einem weiteren tiefem Atemzug gab Stepan zurück: „Nein. Schon in Ordnung. Ich denke, wir sollten uns den ehemaligen Standort der Leiche genauer ansehen. Vadim, geh' du doch bitte die zwei Milizionäre vor der Tür fragen, ob hier jemand reingekommen ist.“ Vadim nickte und machte sich sofort auf, und ohne Luft zu holen wank Stepan Jerschow zu sich: „Sie kommen mit mir.“ Während der paar Schritte zu ihrem Ziel bemerkte Jerschow: „Sich machen sich nicht gerade Freunde, wenn sie Ranghöhere herumkommandieren, Herr Sorokin.“ Gereizt zog Stepan seine Luft ein und es platzte ihm heraus: „Könnten sie ihr Ego mal für die nächsten Zehneinhalb Sekunden vergessen und das hier sachlich angehen?“ Überrascht von Stepan's Reaktion hielt Jerschow seinen Mund. Stepan sah sich nun gründlich am Boden um. Und er wurde dafür belohnt – am Boden fand er ein kleines, schwarzes Kügelchen, das vorher definitiv noch nicht an der Stelle lag. Vadim stand im Raum und reichte Stepan wie bestellt eine Tüte für Beweisstücke. „Warte.“, sprach Stepan mit den Augen auf dem Kügelchen. So fest er konnte drückte er auf das Kügelchen, das nichtmal so groß war wie eine Erbse. Doch nichts geschah, als wäre die Kugel aus reinstem Diamant. Stepan bestätigte sich selbst seinen eigenen Gedanken und nickte, und warf das Kügelchen daraufhin in die vorgesehene Tüte. „Wohin?“, fragte Vadim. „Labor. Die sollen mir sagen, was das ist. Das Zeug ist steinhart. Ich würde ja schon fast sagen diamantenähnlich.“ Darauf verschwand Vadim sofort in Richtung Ausgang, da sich ein Beamter der Spurensicherung nach Stepan erkundigte. „Ich will natürlich über sämtliche Ermittlungsschritte ihrerseits informiert werden, Herr Sorokin.“, Stepan war kurz davor sich wieder aufzuregen, doch drehte er dann einfach seinen Kopf zu Jerschow, und grinste ihn höflich an. „Natürlich, der Herr.“, nickte Stepan. Dann schritt er triumphierend in Richtung Ausgang. Obwohl Stepan im Nacken den stechenden Blick von Jerschow bemerkte, ließ er sich nicht davon nicht beirren. Unten kamen ihm ein paar Männer von der Spurensicherung entgegen, doch den Beamten, der für die Leichenuntersuchung zuständig war, fing er ab und informierte ihn: „Hat sich erledigt.“ Verwirrt sah ihn der Zuständige an, und Stepan musste präziser werden: „Die Leiche ist weg.“ Daraufhin zeigte ihm der Mann nur lächelnd einen Vogel und stieg die Treppen hoch. Gleichgültig zuckte Stepan mit den Achseln und lief in Richtung seines Wagens. Er sah auf die Uhr, es war kurz vor halb Zehn, abends. Kurz lehnte er sich an seinen Wagen und sah nachdenklich in den Himmel. Für ihn wirkte der Fall immernoch wie ein Traum – die Leiche war weg. Stepan lehnte sich mit dem Rücken voraus an seinen Wagen, und kramte nach seinem Notizblock in den Manteltaschen. Gerade lief der Zuständige zur Leichenuntersuchung wieder aus dem Gebäude, und Stepan zog nur mit einem Ich-hab's-dir-doch-gesagt-Blick lächelnd die Achseln hoch. Aber der Spurensicherer war schneller im Taxi, als Stepan nach ihm hätte rufen können. Schließlich fand er seinen Notizblock und ging jeden Punkt nocheinmal sorgfältig durch. Beim Stellvertreter schnippste er mit den Fingern, ließ seinen Notizblock verschwinden und stieg in seinen Wagen. An dem polizeilichen Bordcomputer seines Wagens sendete er ersteinmal die Anfrage für die Adresse des Stellvertreters – und soetwas dauerte. Also lehnte sich Stepan ersteinmal in seinem Fahrersitz zurück und knipste das Radio an. Genau in diesem Moment lief auf dem Sender ein Kultsong einer russischen Band an, genau Stepan's Musikgeschmack. Mit geschlossenen Augen flüsterte er den Text und klopfte auf seinem Schenkel den Takt mit. Stepan sah sich selbst. Seine Gitarre in der Hand, auf einem großen Platz für Trinkgeld spielend. Genau für diesen Song. Seine Jugend hatte er bestens in Erinnerung. Doch von dem Bestätigungston seines Bordcomputers wurde er aus seinen Erinnerungen gerissen. Er startete den Motor seines Wagens, bog wieder auf die Straße und fuhr in Richtung des Zentrums. Stepan sah interessiert den vorbeischwirrenden Lichtern der breiten Straße hinterher, denn er liebte Moskau bei Nacht. Das Lichtermeer erinnerte ihn an die Zeit, als er damals noch zu seinen Kindern heimfuhr, und diese ihm in den Arm sprangen, sobald er durch die Tür geschritten kam. Denn er fuhr immer in diesem Lichtermeer nach Hause. Doch Stepan verdrängte die Erinnerung – Konzentration war gefragt. Er roch förmlich, das dieser Fall etwas besonderes war. Ablenkung war der größte Feind, Gründlichkeit der beste Verbündete. Also dachte Stepan während der weiteren Fahrt an nichts – und vertiefte sich in seine Musik.

Durchgekommen durch den dichten Verkehr, bog Stepan in den Parkplatz einer Apartmentanlage. Er stieg aus dem Wagen aus, und musterte die Gegend. Nach ein paar Sekunden war alles klar – Arbeiterviertel. Also bekam er es definitiv nicht mit einem Schnösel zutun. Sein Auto schloss er ab, und lief dann auf einen der Eingänge zu. Den, den sein Computer ausgespuckt hatte. Er klingelte auf dem Schild mit der Aufschrift „Jantschik Saizew“. Der Mann lebte also allein. Die Sprechanlage knackste, und der Mann meldete sich zu Wort: „Ja?“ „Stepan Sorokin, Kriminalmiliz.“, gab Stepan knapp zurück. Die Tür brummte sofort, und Stepan schritt die Treppen herauf. Oben angekommen erwartete ihn ein junger Mann, in knapper Freizeitkleidung, mit kurzen Haaren. Ausserdem war er für einen stellvertretenden Chefredakteur sehr jung. Stepan schätzte ihn jünger als 30. Er reichte ihm freundlich die Hand und grüßte ihn: „Guten Abend, dürfte ich reinkommen? Es könnte etwas länger dauern.“ „Natürlich.“, gab der Mann zurück, und deutete Stepan, ihm zu folgen. Er führte ihn in ein recht schlichtes, aber doch ordentliches Wohnzimmer, und bot ihm einen Platz am Esstisch an. Dankend setzte sich Stepan. „Darf ich ihnen etwas bringen?“, erkundigte sich der Mann. Lächelnd schüttelte Stepan den Kopf und bat ihn: „Setzen sie sich doch.“ Der Mann war sehr hilfsbereit und respektvoll. Stepan verstand, warum er es jetzt schon bis zum stellvertretenden Chefredakteur gebracht hatte. Der Mann setzte sich und bat ihn: „Sie können mich Jan nennen. Ich hasse meinen vollen Namen. Worum geht es denn eigentlich?“ Stepan's Miene glättete sich, und er teilte ihm ernst mit: „Ihr Chef, Viktor Nowikow, wurde ermordet.“ Jan schluckte und fragte zögerlich: „Wie... wie ist es passiert? Und wo?“ „In seinem Büro. Heute. Vermutlich während seiner Arbeitszeit.“ Jan legte seine Hand an die Stirn und kam direkt zur Sache: „Und wie kann ich ihnen helfen? Einige Fragen, habe ich recht?“ Stepan erwiederte: „Richtig. Wo sie waren, muss ich sie nicht fragen. Ich habe eigentlich nur eine konkrete Frage – wie lief der Tag ab? Gab es Unregelmäßigkeiten?“ „Nein“, gab Jan sicher zurück. Doch nach kurzem überlegen ergänzte Jan: „Nun... jetzt, wo sie es sagen. Herr Nowikow hatte Besuch. Einen Mann, den ich nicht kannte. Anzugträger. Doch mehr kann ich ihnen nicht sagen.“ Stepan nickte und hackte doch noch etwas nach: „Hatte er einen Namen angegeben? Eine Arbeitsstelle? Irgendwas in der Art?“ Lange überlegte Jan, und gab dann knapp heraus: „Krylow. Fjodor Krylow.“ Stepan hatte seinen Notizblock schon in der Hand, und kritzelte den Namen hastig darauf. „Vielen Dank“, gab Stepan zurück, „sonst noch etwas?“ Jan schüttelte nur in sich gekehrt den Kopf. Offenbar stand Herr Nowikow ihm wohl auch freundschaftlich sehr nahe. „Alles in Ordnung?“, fragte Stepan unsicher nach. „Schon gut“, gab Jan zurück, „ich brauche nur etwas... Ruhe.“ „In der Tat.“, gab Stepan zurück. Gerade wollte er sich umdrehen und gehen, als ihm noch eine Frage einfiel: „Wer bringt bei ihnen den Kaffee?“ Jan gab zurück: „Momentan keiner. Aber Vik.. ähm.. Herr Nowikow hab' ich ihn heute persönlich gebracht.“ „In Ordnung. Einen schönen Abend noch, Herr Saizew.“ „Ich sagte doch, sie können mich Jan nennen“, sprach er zu Stepan, doch der schlug schon die Tür zu, und lief die Treppen herunter.

Stepan blickte herunter auf seinen Notizblock, und kratzte sich am Nacken. Der Name sagte ihm garnichts. Krylow – ein sehr häufiger Name, doch er brachte ihn mit keiner wichtigen Person in Verbindung. Schließlich kam er im Anzug an, und wenn er den Chefredakteur sprechen wollte, musste er wohl ein wichtiges Anliegen gehabt haben. Mehr und mehr Rätsel taten sich für Stepan auf. Das die Leiche verschwunden war, blendete er schon beinahe wieder aus. Stepan sah wieder auf seine Uhr – ungefähr 11 Uhr abends. Gähnend stieg er in seinen Wagen und fuhr in Richtung seiner Wohnung. Auf dem Weg warf er seine Musik an, er entschied sich für einen fetzigen Song. Mit den Händen auf das Lenkrad trommelnd, schlängelte er den Wagen durch den Verkehr. Stepan dachte nach, und kombinierte nocheinmal alles. Wo könnte die Leiche sein? Wer könnte ihn getötet haben? Doch er fand keine Antwort. Zuhause und morgen auf der Station würde er nocheinmal in Ruhe darüber nachdenken können. Nun fuhr er ersteinmal nach Hause. Und konnte seine Ruhe haben.

Stepan war angekommen, und stieg aus seinem Wagen. Er schloss ihn ab und schritt in Richtung des Hauseingangs, als er ein paar Meter weiter ein jugendliches Mädchen bemerkte, das eines seiner Lieblingslieder auf ihrer Gitarre präsentierte. Unweigerlich dachte Stepan an sich selbst, als er Strassenmusikant war. Mit einem breiten Grinsen schritt er beinahe unbewusst zu ihr, und warf ihr einen 100-Rubel-Schein in den Gitarrenkoffer. Mit einem lächelnden nicken dankte sie. Am liebsten wäre Stepan noch ein Stück vor ihr stehengeblieben, aber er besann sich und wank ihr zum Abschied zu, und schritt zur Tür. Er ging hindurch, stampfte die Treppen hinauf, und schlüpfte durch die Wohnungstür. Entspannt hängte er seinen Mantel auf den Garderobenständer und nahm die wie immer bereitgelegte Fernbedienung für die Stereoanlage von einem Beistelltischchen. Im Rhythmus zu den Tönen schritt Stepan in sein Wohnzimmer. Mit einem gekonnten klicken schaltete er auf seine Jazz-Sammlung um. Aber diese beruhigte Stimmung löste sich wieder, als das Telefon klingelte. Stepan stellte die Musik leise, und griff nach dem Hörer. „Stepan?“, klang es am Ende der Leitung. Mit einem vertrauten, abgeschwächten Grinsen antwortete Stepan gelassen: „Papa. Hallo.“ Offensichtlich erfreut sprach der Mann am Ende der Leitung weiter: „Wie geht es dir?“ „Eigentlich ziemlich gut. Ich verzweifle nur im Moment an einem Fall... aber das ist unwichtig. Wie geht es dir Rostja? Und wie geht es Nadja?“ „Alles in Ordnung. Nadja plant eine Reise für uns.“, informierte Rostja, Stepan's Vater. „Aber“, fuhr er fort, „ich wollte noch wissen, wie geht es eigentlich Kirill?“ Stepan's Lächeln glättete sich, als er diesen Namen hörte. „Keine Ahnung“, gab Stepan zurück, „er meldet sich nichtmehr.“ Kirill war Stepan's vierzehnjähriger Sohn. In letzter Zeit hatte er oftmals Kontakt mit ihm, die beiden verstanden sich gut. Bis vor ein paar Tagen, da brach der Kontakt urplötzlich ab. „Ich weiß ja nicht, was Anisja ihrem Sohn erzählt. Bestenfalls werde ich als Schwerverbrecher dargestellt.“, dachte Stepan laut vor sich hin. Rostja merkte, das er das falsche Thema angekratzt hatte, und lenkte ab: „Was ist das denn für ein Fall? Der dir das Leben zurzeit schwer macht?“ „Ach, das ist so kompliziert zu erklären“, gab Stepan zurück, aber versuchte es trotzdem, „Die Leiche... naja, sie verschwand plötzlich, mitten in der Untersuchung. Direkt am Tatort.“ Rostja wurde neugierig: „Und hast du gesehen, wie sie wegkam?“ „Nein. Ich bin davon überzeugt, das irgendjemand die Leiche weggeschafft hat. Die Frage ist nur, wohin.“ Stepan gähnte. „Morgen kann ich mich wirklich damit beschäftigen. Ich denke, ich werde mich schlafen legen.“ Rostja wollte sich gerade verabschieden, als Stepan noch ergänzte: „Wenn Kirill sich meldet, lass ich es dich wissen.“ „Danke“, bemerkte Rostja, „einen schönen Abend noch. Und viel Erfolg bei deinem Fall.“ Stepan nickte für sich selbst, und legte auf. Nachdenklich zog er seine Hände über das Gesicht, und dachte an Kirill. Doch ihm war klar – er sollte sich die Laune nicht selbst vermiesen. Schweigend nahm er die Fernbedienung für die Stereoanlage wieder an sich und stellte die Musik laut. In sich gekehrt starrte Stepan die Wand an. Das Lied das eben noch den Raum erfüllte, wurde immer leiser, da das Stück sich weiter zum Ende wand. Stepan atmete tief durch, und starrte seinen an der Garderobe hängenden Mantel an. Erneut schnaufte Stepan, nickte in sich hinein, stand auf und schnappte sich seinen MP3-Player. Mit Kopfhörern und Musik im Ohr, warf er sich seinen Mantel um und ging aus seiner Wohnung. Laufend im Takt der Musik, schritt Stepan die Treppen herunter. Vor der Tür rieb Stepan sich die Hände und wärmte sie einmal kurz mit seinem Atem. Er sah sich kurz die Häuser – oder eher gesagt Mietskasernen – in der Gegend mit schnellen Blicken an, und schritt dann über die Straße. Sein Ziel war die Metro-Station. Wenn er seine Ruhe zum nachdenken brauchte, gab es für Stepan nur einen Platz. Beim Gehen durch die Straßen sah er sich die in Schatten getauchten Silhouetten der Häuser an. In einer Stadt war niemals Ruhe, speziell nicht in Moskau. Wenn man die Häuser betrachtete, ging in jedem Raum mal ein Licht an oder aus, Leute bewegten sich an den Fenstern vorbei oder starrten gebannt aus den Fenstern. Auf den breiten Straßen waren immer Autos unterwegs, zu jeder Zeit des Tages. Stepan atmete einmal tief ein, und schritt dann etwas schneller vorwärts.

Angekommen an der Metro-Station schritt Stepan entspannt die Treppen herunter, auf die Bahnsteigsperre hinzu. Auf dem Weg rempelte ihn ein Mann an – Stepan entschuldigte sich, doch dieser antwortete irgendetwas auf Englisch. Stepan nickte einfach freundlich und ging weiter. Um die Zeit war es normal, das Touristen einfach nur mit der Metro fuhren, um sich die verschiedenen Stationen anzusehen. An der Sperre hielt Stepan kurz seine Fahrkarte unter den Scanner, und die Sperre öffnete sich. Noch 49 verbleibende Fahrten zeigte der kleine Monitor über dem Scanner, worauf Stepan akzeptierend für sich selbst nickte. Unten auf dem Bahnsteig rauschte gerade eine Bahn herein, Stepan verstaute seine Karte schnell in der Innentasche seines Mantels und eilte die Treppe herunter. Die Türen öffneten sich schon, also übersprang Stepan schnell eine Stufe und huschte durch die hinterste Tür in die Bahn. Ausser Atem hielt er sich kurz an der nächsten Halteschlaufe fest, und atmete tief durch. Leicht amüsiert sah eine junge Frau von ihrer Zeitschrift auf, und lachte kurz auf, als sie Stepan beim Luft holen betrachtete. Stepan lachte beim Augenkontakt mit ihr ebenfalls kurz auf, und setzte sich ihr gegenüber. Sie fragte mit einem Grinsen: „Sie haben es wohl eilig?“ Stepan nickte und atmete nocheinmal tief durch. Die Frau lachte nocheinmal kurz auf, und stellte sich knapp vor: „Lena.“ Stepan atmete nun etwas leiser, reichte ihr die Hand und erwiderte: „Stepan.“ Lena wank die Hand ab, und erkundigte sich: „Wohin fahren sie?“ „Park Kultury“, gab Stepan zurück, „und sie?“ „Universitet. Ich studiere, wissen sie.“, gab Lena informierend zurück. Stepan legte seinen Arm interessiert auf das Sims des U-Bahnfensters und hielt seine Hand vor den Mund. Aufmerksam beantwortete Lena die ungestellte Frage: „Schauspielerei.“ „Soso“, entgegnete Stepan. Lena grinste nun nurnoch leicht, und sah Stepan etwas fragend an. Stepan bemerkte den fragenden Blick und rechtfertigte sich sofort dafür: „Oh, tut mir leid, sie erinnern mich an jemanden.“ Jetzt nahm Lena die Rolle des Zuhörers ein, lehnte sich zurück und fragte: „An wen?“ Stepan's Mund öffnete sich kurz, aber er verschloss ihn sofort wieder und betrachtete den vorbeischwirrenden Tunnel. Unsicher zog Lena ihre Frage zurück: „Tut mir Leid.“ „Sie erinnern mich an meine Tochter.“, beantwortete Stepan die Frage nachträglich. „Tut mir trotzdem Leid“, entschuldigte Lena sich ausdrücklich, „es hat sie offenbar verletzt. Darf ich fragen, warum?“ Stepan zögerte. Sollte er ihr seine Geschichte erzählen? Sie fuhr bis zur Universitet, das war noch weiter als er fahren musste, und die Park Kultury lag sowieso schon beinahe am Ende der Linie. Er atmete durch, und setzte an: „Haben sie Lust, sich eine – oder besser gesagt meine – Geschichte anzuhören?“ Interessiert und stumm nickte Lena Stepan zu. „Nunja, mit 17 Jahren lernte ich Anisja kennen. Wir beide lernten uns zufällig kennen, in der Bibliothek. Es war eine Filmromanze. Wir beide suchten im selben Regal nach demselben Buch, und griffen zur gleichen Zeit nach dem Buch. Wir sahen uns an, und die Chemie war sofort da. Schließlich waren wir nach einiger Zeit zusammen, und mit 19 heirateten wir beide schon. Im selben Jahr wurde meine Tochter, Miljena, geboren. Meine Frau und ich...“ Stepan hielt inne. „Ja?“, warf Lena neugierig ein. Unter der Motivation des Erzählens fuhr Stepan fort: „Wir verstanden uns nichtmehr sehr gut. Mir war es schon seit dem ersten Streit klar, aber sie spielte es mir weiterhin vor.“ „Was spielte sie ihnen vor?“, warf Lena wissbegierig ein. Stepan schloss die Augen, atmete kurz durch und erwiderte: „Das sie mich liebte. Irgendwann sagte sie es dann auch einmal, und schließlich trennten wir uns. Meine Kinder habe ich bisher auch nichtmehr gesehen... Miljena ist mittlerweile 19 Jahre alt, Kirill 14.“ Lena dachte kurz nach, fragte dann aber doch zögernd nach: „Vermissen sie sie?“ „Anisja? Nein.“, gab Stepan entschlossen zurück. „Nein“, korrigierte Lena, „Miljena. Und Kirill.“ Stepan nickte leicht und gab zurück: „Ja. Sehr sogar. Mit Kirill tausche ich mich ab und zu per SMS ein wenig aus, aber Kontakt kann man das wohl kaum nennen.“ „Und was ist mit Miljena?“, warf Lena neugierig ein. Nachdenklich schwieg Stepan, und sah wieder aus dem Fenster. „Ich habe keinen Kontakt zu ihr. Ich weiß nichteinmal mehr, wie sie aussieht.“ „Keine Fotos? Keine Erinnerung?“ „Doch. Also, Erinnerungen. Aber keine Fotos oder dergleichen.“, gab Stepan enttäuscht zurück. Lena war gefesselt von Stepan's Erinnerungen, und hörte weiterhin aufmerksam zu. „Was taten sie nach der Trennung?“, fragte Lena interessiert. Stepan erzählte ihr von seiner Arbeit bei der Moskauer Kriminalmiliz, als Kommissar der Mordkommission. Über seine Wünsche, beim Geheimdienst zu arbeiten. Und auch über seine Einsamkeit, die seit der Trennung auf ihm lastete.
Vorsicht, die Türen schließen, nächste Station Park Kultury.“, hallte es durch die Lautsprecher. Die Türen schlossen sich mit dem bekannten markanten Klicken, und der Zug setzte sich in Bewegung. Lena kritzelte ihre Nummer auf ein Blatt Papier, und gab sie Stepan in die Hand. „Wenn sie irgendwann einmal Zeit für einen Kaffee haben, stehe ich gerne zur Verfügung.“ Mit einem lächelnden Nicken bedankte sich Stepan und steckte den Zettel weg. „Station Park Kultury, Übergang zur Kolzewaja-Linie.“, erklangen erneut die Lautsprecher, und der Zug bremste langsam ab. „Einen schönen Abend noch.“, verabschiedete Stepan sich höflich. Lena hob nur kurz ihre Hand, und sah Stepan beim Aussteigen zu. Stepan sah am Bahnsteig noch zu, wie der Tunnel den Zug langsam verschlang, und schritt dann zur Treppe am Ende des Bahnsteigs. Schnell, aber entspannt schritt Stepan durch die Bahnsteigsperre, und sah auf die Uhr. Es war kurz nach Mitternacht. Der letzte Zug fuhr ungefähr zehn Minuten vor 1 Uhr. Er hatte also noch eine knappe Stunde Zeit. Aufmerksam schritt Stepan die zweite Treppe herauf, und der Straßenlärm wurde allmählich lauter. Oben angekommen nahm er die Sirene eines Streifenwagens wahr, der auch gleich darauf an ihm vorbeifuhr. Unbeeindruckt lief er die Straße entlang, in Richtung der Krymski-Brücke – seinem liebsten Platz zum nachdenken. Schon seit Jahren ging er regelmäßig zu dieser Brücke. Irgendwie half es ihm, seine Probleme zu verarbeiten. Schließlich stand er am Geländer der Brücke, und sah auf den Fluss hinab. Die Lichter der Straße spiegelten sich im Fluss, sowie der Mondschein, der über der Stadt in diesem Moment schwebte. Gerade wollte Stepan seine Packung Zigaretten aus der Innentasche seines Mantels ziehen, als jemand neben ihm bemerkte: „Klasse Aussicht.“ Stepan hatte garnicht gemerkt, das der junge Mann neben ihm stand. Er konnte sich auch garnicht erinnern, ob er schon dort stand, als Stepan herkam, oder ob er sich zu ihm gesellt hatte. „Ja, die Aussicht ist wirklich super.“, fügte Stepan hinzu. „Sie sind wohl öfter hier?“, gab der Fremde zurück. Stepan nickte, und holte seine Zigarettenschachtel hervor. Abfällig blickte der junge Mann auf die Schachtel Zigaretten und fragte vorwurfsvoll: „Sicher?“ Überrascht vom Tonfall des Mannes hielt Stepan inne, sah ihn an und gab mit einem bestimmtenden Nicken zurück: „Ja.“ Angewidert blickte der Fremde wieder hinunter auf den Fluss, und Stepan zündete sich eine Zigarette an. Stur blieb der junge Mann am Thema hängen und bemerkte: „Hoffe es hat wenigstens einen Grund.“ Stepan lächelte in sich hinein, und erkannte, was der Fremde für ein Spiel mit ihm spielte, ließ sich aber zunächst nichts anmerken. „Ich habe genügend Gründe dafür.“, merkte er an, und wartete auf die Reaktion seines Gesprächspartners. Gerade als dieser ihm widersprechen wollte, nahm Stepan ihm die Worte aus dem Mund: „Natürlich, sie sind noch viel schlechter dran als ich, und so weiter.“ Der junge Mann zog die Augenbrauen nach oben, und gestand beschämt: „Sie sind der Erste, der so reagiert.“ „Überrascht mich nicht.“, gab Stepan unbeeindruckt zurück. „Hören sie“, fuhr er fort, „ich will ihre Geschichte nicht hören. Wenn sie wirklich der Überzeugung sind, das sie in der schlimmsten erdenklichen Lage sind, dann sollten sie kopfüber von dieser Brücke springen. Wenn sie sich dann doch zu teuer dazu sind, dann bitte ich sie einfach nur höflich, ihre Klappe zu halten.“ Ohne jegliche Antwort schritt der Fremde weg von Stepan. Offenbar hatte er genau die richtigen – oder eben falschen – Worte gewählt. Er rauchte seine Zigarette, starrte den Fluss an, und ließ die Gedanken treiben.

Kapitel 2
Fragen

Guten Morgen, Kommisar Sorokin.“, grüßte der Milizonär an der Anmeldung Stepan im vorbeigehen. Dieser nickte nur kurz zurück, hängte seinen Mantel an die Garderobe, und nahm an seinem Schreibtisch platz. Gerade als er seinen Computer eingeschaltet hatte, kam eine junge Milizbeamtin an seinem Schreibtisch vorbei, mit einem großen Stapel Akten und ähnlichem unter dem Arm. Sie las schnell über die Beschriftungen, kramte dann einen Stapel zusammen, den sie Stepan auf den Tisch legte, und bemerkte: „Ihre angeforderten Unterlagen.“ Eifrig und ohne jeglichen Dank nahm Stepan den Stapel zu sich, und sah jede im Schnelldurchgang an. „Krylow, Krylow, Krylow...“, murmelte Stepan vor sich her. Aber es war keine Akte dabei. Sofort griff er zum Hörer, und ließ sich in die Personalienabteilung durchstellen.